Integration.02

30|09|09

Integration ist gar nicht so einfach.

Als ich innerhalb der vorgeschrieben acht Tage am Amt antanzte knöpfte man mir erst einmal 85 Franken ab, übte dann ein bisschen Feierlichkeit als man mir meinen Vorläufigen Ausweis überreichte und schickte mich mit einem Wohnnachweisschein von dannen. Bei der Zürcher Kantonalbank, bei der ich gedenke ein Konto zu eröffnen lehnte man ab. Ich habe ja noch keine endgültige Aufenthaltsbewilligung. Und eben auch keinen Arbeitsvertrag – der wäre alternativ auch akzeptiert worden.

Also ging ich mit der Plage der Strafe beim Geldabheben und der Last der Auslandsüberweisungen (eine Überweisung von 90 Franken belastete mein Konto prompt mit 75, anstatt mit 60 Euro) nach Hause in mein Kämmerchen und drehte Däumchen, während ich auf Briefe mit Wappen wartete.

Die kamen auch.

Die Leute von der Integrationsförderung hießen mich willkommen. Ich solle mich doch schön rumintegrieren. Was natürlich enorm erschwert wird, wenn man nur teuer an Geld kommt, aber das schrieb ich denen lieber nicht.

Dann kam ein Schreiben, dass ich mich doch bitte schweizerisch krankenversichern müsse. Davon muss ich mich noch befreien lassen. Womit ich in deren Auge wahrscheinlich ein Integrationsverweigerer bin.

Heute schließlich bekam ich erneut Post. Das Migrationsamt könne mein Gesuch (85 Franken abdrücken und dafür auch noch verlangen, hier bleiben zu dürfen) nicht weiter behandeln, mein Lebensunterhalt sei nicht nachgewiesen. Eine nette Dame an der ETH wies mich wirklich freundlich darauf hin, dass man durchaus gefragt werden könne, 1750 Franken monatlichen Etat nachzuweisen. Ich finde das unverschämt. Nun hoffe ich so vor mich hin, dass eine einfache Bürgschaft meiner Eltern genügt und dass sie mal ans Telefon gehen, damit sie davon erfahren, dass ich so etwas überhaupt benötige.

Im Anschluss auf die Forderung nach Bankbelegen oder ähnlichem folgt dann noch ein Hinweis:

„Bereits an dieser Stelle machen wir darauf aufmerksam, dass zur Aufnahme eines Praktikums bzw. einer Nebenbeschäftigung eine entsprechende Stellenantritzsbewilligung erforderlich ist.“

Übersetzt: Denk gar nicht daran, dir jetzt einfach eine Arbeit zu suchen. Das geht nämlich auch nicht ohne unsere Einwilligung.

Zur Überbrückung der Wartezeit eine kleine Logokunde:

Integration

Integration

Was soll mir das Logo sagen?

„Integriere dich. Halte unser Wappen!“

Willkommen

Willkommen

Was soll mir das Logo sagen?

„Wie heißen dich mit einer Hand willkommen, mit der anderen Hand drohen wir dir.“

Migration

Migration

Was soll mir das Logo sagen?

„Du bist noch nicht richtig integriert. Liegt daran, dass du abstoßend die Zunge rausstreckst. Aber alleine kannst du das Schild nicht halten. Siehste, ganz schief. Integrier‘ dich!“

Keine Arbeit, keine Arbeitsgenehmigung, eine Menge Aufenthalt, aber keine Aufenthaltsbewilligung, kein horrendes Einkommen und überraschenderweise auch kein Nachweis desselbigen – wie soll ich mich in diese Stadt integrieren?

Sünde

29|09|09

Während ich dies hier schreibe kaue ich. Mir wurde ein Dessert angeboten. Ich konnte nicht ablehnen. Jedem möchte ich empfehlen in einem Moment der Anstandslosigkeit sich folgende Kombination zu Gemüte zu führen zu Herzen zu nehmen zu genießen zu verschlingen: Meringue (schweizerisch-französisch für Baiser) und Sahne. Sahne dann natürlich wegen der Kalorien ungesüßt.

Sünde

Sünde

Meine Oma mütterlicherseits hätte gesagt „Isch habe schon wieder jesündischt.“ – Sie wusste warum, es ist es wert.

Allein schon wegen dieses knätschig-schmackigen Baiserkerns. Ein Gedicht.

Polygenuss

29|09|09

Oh wie ist es schön.
Zürich, wie bist du schön.

Nachdem unser heutiges Gespräch mit unserem Bauherren für ein Semester, nämlich dem Regisseur Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“), schon nach viereinhalb Stunden in der Semperaula vorbei war (inklusive Schlange stehen für einen festen Händedruck) löste sich die Veranstaltung auf. Ich materialisierte mich kurz darauf auf der Polyterrasse. Eine gute Entscheidung.

Charmant grinste ich mir souverän eine der bequemen Holzbänke frei, krempelte Hose und Hemdärmel hoch und genieße nun: tollen Ausblick vor den Augen, gefühlte 34 Grad (echte 22 im Schatten) auf der Haut, Ingrid Michaelson und Howard Shore im Ohr und gleich einen MigrosBudget-Müsliriegel im Munde.

Sollte man noch ins Freibad gehen? Vielleicht wenigstens ins Hallenbad mit Außenbecken.

Jetzt habe ich mir gerade noch das Hemd aus der Hose gezogen. Wie frivol.

Heute Abend dann, nicht dass sich jemand beschwert, schreibe ich weiter an einem Text über die städtebauliche Entwicklung Berlins mit besonderer Berücksichtigung der Jahre 1984 und 1996.

Und dann ist meine fleißbedachte Seele wieder im Gleichgewicht.
Schade.

Integration.01

28|09|09

Während ich noch auf meinen Ausländerpass warte – er kommt und kommt nicht, und wenn er nicht kommt, kann ich hier kein Konto eröffnen, was heißt, dass ich weiter böse Gebühren an den Automaten zahlen muss. Also während ich noch so warte schickt mir die Stadt Zürich, Bereich Integrationsförderung per B-Post (also besonders langsam) eine Einladung.

Begrüßung. Mit ohne ß.

Begrüßung. Mit ohne ß.

Ich glaube sie suchen extra Wörter mit ß.

Ich glaube sie verwenden extra Wörter mit ß.

Srpskohrvatskim? Klar. Kann ich. In __________ bin ich noch recht schwach.

Srpskohrvatskim? Klar. Kann ich. In ________ bin ich noch recht schwach.

Ich weiß noch nicht, ob ich hingehen soll. Einerseits geht das geschlagene zwei Stunden (mit Stadtführung), andererseits ist die Einladung so schön und am Ende gibt es ein Apéro. Ich überleg es mir.

Heute wurde ich gleich doppelt in die Kunst des Waschens eingeführt. Zum einen waren wir zu einer unmöglichen Zeit im Kino, nämlich um zwölf Uhr. War aber nötig, der Film läuft nur um diese Zeit und auch immer nur sonntags. Es handelte sich um die Hamburger Dokumentation „Wasser und Seife“ über drei Frauen, die in einem Waschsalon arbeiten.

Plakat Wasser & Seife

Ein empfehlenswerter Film

Der Film war gut, besser war aber das Kino. Eine umgebaute Baracke, nur ein Saal. So sieht man der Bude von außen gar nicht an, dass es sich um ein Kino handelt – sieht man mal von der Aufschrift ab.

Kinobau

Das Xenix

Tatsächlich ist in diesem schönen kleinen Objekt ein ganzer Kinosaal drin. Der ist sogar sehr schick. Auffällig sind die ersten drei Reihen.

Kinomodell

Kinomodell

(Ein Bausatz für dieses Modell ist hier käuflich zu erwerben. Läppische neun Franken.)

Nachdem ich also gute eineinhalb Stunden auf einem solchen Sofa verbracht habe, möchte ich verkünden: „Kinobetreiber, reißt die Sitze raus, stellt Sofas rein.“ Viel bequemer, viel sitzvariantenreicher.

Weil der Filmvorführer gleichzeitig auch der Kassenmensch ist (die Bar jedoch betreibt ein anderer), gibt es an der Kasse eine Klingel.

Kasse

Kasse

Das alles schreit nach Kult. Kultig war auch der Film, ich kann ihn nur empfehlen. Er ist in Deutschland jedoch bereits im April an- (und aus)gelaufen, in der Schweiz feierte er heute erst Premiere.

Inspiriert von den drei Damen wusch ich zu Hause meinen halben Kleiderschrank. Und da ich hier über zwei Waschmaschinen, einen Tumbler und einen sensationellen Trockenraum mit beeindruckend effektivem Luftentfeuchter verfüge, der in Nullkommanix alles in Schrankzustand versetzt, ging das um ein Vielfaches schneller, als ich in Braunschweig dafür benötigt hätte.

Daher möchte ich verkünden: „Miethäuser in Deutschland vereinigt euch. Kauft euch edele Waschmaschinen und stromfressende Tumbler sowie Luftentfeuchter.“ Es ist eine Wonne.

Und dann schaltet die Atomkraftwerke ab.

Miss Schweiz

27|09|09

Kennt jemand den Namen der amtierenden Miss Germany? Hier heißt die gesuchte Person (Miss Schweiz, nicht Miss Swiss) seit heute nicht mehr Whitney, sondern Linda. Und das weiß mehr oder minder jeder. Die Sankt Gallenerin stach in den finalen Top3 zwei Zürcherinnen aus. Die nächsten zwölf Monate wird sie nun unter schärfster nationaler Beobachtung stehen und jeder Fehltritt wird ein Raunen durch das ganze Land zur Folge haben. In den letzten Jahren gab es wohl auch eine „schwarze Miss“ habe ich gehört. Womit wohl nicht die Haarfarbe gemeint ist. Linda ist aber blond.

Linda Fäh

Linda Fäh

Linda hat ein Bauchnabelpiercing, ein Glitzeretwas auf dem Eckzahn, wohnt bei Mami, die ausgewogen für sie kocht, und Papi, den sie mit ihren Badezimmereskapaden nervt, und sie trägt ein Jeanstop! Wenn ihr schon nicht Miss Germany kanntet, dann nun doch wenigstens Miss Schweiz.

Sie ist übrigens liiert, aber nicht verheiratet. Dann hätte sie, wie in Deutschland auch, gar nicht antreten dürfen.

Die Sendung war eine wundervoll krampfige Kombination aus ewigem Umhergerenne, peinlichen Videozusammenschnitten, endlosen Vorstellungen der Kandidatinnen (à la „Ich mag Ehrlichkeit, ich finde Ungerechtigkeit doof und meine Schwächen? Hmm, … kicher … nun ja … kicher … manchmal bin ich ein bisschen unpünktlich.“), aus netten musikalischen Liveauftritten, einer weniger netten Gesangseinlage des Moderatorenduos, aus voll versemmelten Antwortrunden der Finalistinnen (ist aber auch schwer, wenn einem ein Französisch-Schweizer mit Mordsakzent eine deutsche Frage vorliest) und der unausweichlichen Frage der Miss Schweiz 2008 (genau, Whitney): „Warum bist du besser als ich?“

Also Linda war übrigens die Antwortversemmlerin, sie hat die Frage einfach nicht verstanden. Was lernen wir daraus? Es kommt gar nicht auf den Fragenteil an, es zählt nur das Äußere. Die zweitplazierte Zürcherin war kompetent, hatte aber ein mies geschnittenes Kleid an. (Was im Vorfeld natürlich schon für eine Menge Wirbel gesorgt hatte. So ist das in der Schweiz.)

Viehschau

26|09|09

Heute war nicht nur die Wahl zur Miss Schweiz 2009 (die ich soeben auch geguckt habe), nein heute war direkt bei mir um die Ecke, im alten Ortskern von Albisrieden, die 26. Regionalviehschau auf der äquivalent zu den Schweizer Frauen im Fernsehen die „Miss Albisrieden“ gekürt wurde. Eine ganze lange Straße war gesäumt von Kühen. Braun, gefleckt, gehörnt, ungehörnt, schön, schöner, am schönsten.

Schild

Den Kühen gefiel wohl der hart geteerte Untergrund nicht und so gaben sie sich allerbeste Mühe, für ein wenig Dämpfung zu sorgen.

Im Folgenden eine Galerie der Kuhimpressionen.

Achso, welche von den Schönheiten nun Miss Albisrieden geworden ist vermag ich leider nicht mitzuteilen, ich war zu spät. Und keine der Damen hatte ein Kränzli auf den Hörnlis.

Wasserschwämme

26|09|09

Was bei uns Pfifferlinge sind, wurde hier „Wasserschwämme“ getauft. Meine Vermieter brachten aus dem Tessinurlaub einen Haufen mit. Gestern gab’s Pilzsalat  mit frittiertem Pilz und angebratenem Pilz, heute gibt es Spinat-Pilz-Pizza, morgen wird es Pilznudeln geben. (Und vorvorgestern gab es eine Pilzsahnesoße, ich hatte für teuer Geld Eierschwämme im Supermarkt gekauft.)

Spinatpilzpizza

Pizza: Eierschwämme, Spinat, Zwiebeln, Basilikum, geschälte Tomaten, Mozzarella – geschickt miteinander kombiniert mit Hilfe einer ausgebildeten Köchin.