Kino.01

16|09|09

Vorgestern – ich bin im Verzug mit meinen Berichten – waren wir im Kino. Wir waren in diesem Fall meine „Gastfamilie“ und ich. Das Kino mit dem schönen Namen RiffRaff liegt an einer Querstraße der Langstraße. Die Langstraße muss man sich vorstellen wie die Hamburger Reeperbahn. Nur etwas weniger obzön, etwas weniger professionell, etwas weniger etwas weniger breit, etwas weniger pervers. Sonst genau identisch.

Riffraff

Le Riffraff, oder zumindest das, was mein Natel davon aufzeichnete.

Das Kino genießt bestimmt Independent-Ruhm. Es war Montag, es war Kinotag, es war laut meiner Begleitpersonen richtig günstig! 13 Franken. Das Sind fast neun Euro. Günstig ist anders. Die meisten Karten waren verkauft und so saßen wir in der dritten Reihe. Aufmerksame Leser mögen jetzt denken, ja aber die dritte Reihe ist doch bestimmt günstiger. Ja da mögt ihr richtig denken, ihr Deutschen. In Deutschland wäre das so. In der Schweiz nicht. Hier sind nur die ersten beiden Reihen günstiger. Und das Kino war durchaus recht groß. Aber dann doch wieder nicht groß genug. Das Bild wurde durch den Vorraum (der gleichzeitig Kasse und Bar darstellte) hindurch, durch eine gigantische Glasscheibe hindurch, auf die Leinwand projiziert. So macht man das hier. Saal zu kurz? Macht man einen Durchbruch.

In der Schweiz ist noch mehr anders. Weniger auf die Schweiz als vielmehr auf das spezielle Publikum ist zurück zu führen, dass es kein Popcorn gab. Und wenn dann wäre es salzig gewesen. Und natürlich war das Kino todschick. Gerne hätte ich es fotografiert, doch erstens ist mein Peinlichkeitsempfinden noch zu ausgeprägt und zweitens hatte ich mal wieder die Speicherkarte vergessen, mein Natel (schweizerisch: Handy) versagte in den Innenräumen und aus der Hüftperspektive. So beschreibe ich: Feines Logo, schicke Holzvertäfelung in der Bar, atmosphärische Beleuchtung, nicht einen Nullachtfuffzehndrink (nix Sex-on-the-beach und so) und für das geplagte Salzgitteraner Kinopublikum besonders beeindruckend: gestochen scharfe Ankündigungen vor dem Hauptfilm. Kein abgelaustes, abfotografiertes, angepinntes, vergilbtes, schlecht belichtetes Zettelchen mit der Aufschrift „Bitte Handy aus“, mit Windows-Clipart-Handy mit rausgestreckter Zunge , sondern edle und gestochen scharf gebeamte Projektion. Und ich muss es wissen, ich saß ja in der dritten Reihe. Die Reihe, aus der man noch etwas anderes ganz besonders gut sehen konnte. Die Untertitel.

Los Abrazos Rotos

S/d/f

Wir schauten „Los abrazos rotos“ von Pedro Almodóvar. Im Kinoprogramm war dieser mit der kryptischen Buchstabenfolge S/d/f versehen. Großbuchstabe heißt Tonsprache, die Kleinbuchstaben stehen für die Untertitelsprache. In diesem Fall also Spanisch mit deutschen und französischen Untertiteln.

Filmuntertiteler scheinen das Abkommen zu haben, maximal zwei Zeilen zu verwenden. Wenn in Deutschland ein Film untertitelt ist, dann ja nur auf einer Sprache. Also zwei Zeilen Untertitel in einer Sprache. Für „Zerrissene Umarmungen“ (in deutsch) war nun also nur eine Zeile frei. Wie mir gewisse Leute nun bestimmt bestätigen können (Maika?) reden Spanier sehr schnell. Auch im Film. Und die Untertitel waren exakt so lange eingeblendet, wie der Schauspieler sprach. Mein Augen flitzten also nur so über die Leinwand. Nein ich schüttelte meinen Kopf quasi unablässig (dritte Reihe, nicht vergessen.) um den Zeilen zu folgen.

Man gewöhnt sich an alles. Der Wunsch jedoch, dass das menschliche Hirn ähnlich dem des Spechts in federndem Schleim gelagert ist, der bleibt.

Achso: Der Film war ganz gut, sagte ich auch und so brachte mir heute Hausherr Luciano Almodóvars Erstling „La mala educatión“ aus der Videothek mit. So gut, war „Los abrazos rotos“ dann zugegebenermaßen doch nicht. Sonst würde ich hier jetzt die Schlechte Erziehung gucken. Anstatt einen Blogartikel zu schreiben.

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2 Antworten to “Kino.01”

  1. Katrin said

    Ja, das mit den Untertiteln kommt mir bekannt vor, in Israel hat man auch oft Hebräische und Russische Untertitel, so dass man dann vom Bild kaum noch etwas sieht…

    ABER ….
    den „zu kurzen Saal“ hast Du ja völlig falsch interpretiert… Moment, ich zitiere: „Das gedämpfte Licht, die einnehmende Atmosphäre und der Projektionsstrahl, der an der Decke durch diesen Raum verläuft, sind Absicht: Wer hier ankommt, lässt den Alltag vor der Tür und taucht in die Kinowelt ein. Dass man auch bequem und grosszügig sitzt, ist selbstverständlich, genauso wie der Kurzfilm zu Beginn der Vorstellung und das Kinovergnügen ohne Pause und Popcorn.
    […] Der Projektionsstrahl ist offen gelegt und wird durch die Lounge des Bistros geleitet, sodass die Magie des Kinos freigesetzt wird und eine einmalige Atmosphäre schafft – vom tageslichtdurchfluteten Bistrobereich über die Lounge bis in das Schwarz des Kinosaals.“
    So sehen das nämlich die Architekten Meili/Peter und Staufer/Hasler![Quelle: http://www.riffraff.ch/service/geschichte.html%5D

  2. Jonathan said

    Gute Architekten. Schlecht recherchierender Autor. Aufmerksame Leser. Dankenswerter Beitrag.
    Und frage mich, warum ich den Kurzfilm verpasst habe. Ich war gar nicht aufm Klo.

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