Letztens musste ich mein Schloss knacken lassen, weil ich meinen Schlüssel eingeschlossen hatte, diesmal kam mir jemand zuvor. In der Nacht auf heute wurde in den Zeichensaal eingebrochen und bis zur Hälfte munter geplündert. Mein Rollcontainer wahr wohl der letzte, dann wurde er überrascht. Glücklicherweise hatte ich, wie wohl auch alle anderen so weit, nichts wertvolles und damit das Klauen lohnende eingeschlossen.

Der größte Verlust ist damit das Schloss. Zwar hat er wie bei allen anderen den kompletten Schließmechanismus rausgebrochen, bei mir ging dabei das Schloss kaputt. Super Qualität. Nun hab ich keines mehr.

Schloss

Aber: Es schneit wie hulle. Eine schöne Entschädigung.

Therme Vals.01

29|11|09

Gerade komme ich heim. Sechseinhalb Stunden des heutigen Tages habe ich auf Schienen und Straßen der Schweiz verbracht, dreieinhalb dafür aber auch in der Therme des preisgekrönten Peter Zumthor. Dass Enstspannung so anstrengend sein kann hätte ich niemals gedacht, daher wird weitere Berichterstattung auf einen anderen Tag verschoben.

Ich hoffe allseits einen guten und schönen ersten Advent gehabt zu haben. Tatsächlich zündete der Kellner eben in der Pizzeria eine Kerze auf unserem Tisch an. In dem Moment war mir die Bedeutungsschwere seiner Tat gar nicht bewusst.

Die Vielfalt unter Studenten ist einmalig. Der Zeichensaal ist ein kleines Unternehmen mit den unterschiedlichsten Darstellern. Es gleicht einem kunterbunten Zirkus, mittendrin ich als stiller Beobachter.

Ein Tisch hinter mir sitzt Noemi*. Sie hat soeben einen Schminkspiegel aus ihrer Tasche geholt. Wahrscheinlich ist ihr da eben im spiegelnden Notebookdisplay etwas in ihrem Gesicht aufgefallen. Sie ist schön und sie weiß dass sie schön ist. Leider wirkt sich das ungünstig auf ihr Verhalten gegenüber Mitmenschen aus. Sie erscheint delegierend und herablassend. Das kann sich leisten, wer makellos schön ist, mag sie sich denken und beseitigt diesen eben gefundenen Makel. Zu dem Spiegel zückt sie also eine Pinzette und beginnt ihre Augenbrauen zu korrigieren.

Drei Tische weiter befindet sich Ursula* in der Rotation. Ursula ist die Reinigungskraft in diesem Zirkus. Sie hat sich sich zum Ziel gesetzt, nicht sich selbst makellos aussehen zu lassen, sondern ihr Modell. Makellos realistisch. Dafür opfert sie ihre Erscheinung. Sie ist klein, eher unscheinbar und seit Tagen zunehmend ungepflegter. Der Gips, in den sie die Mauerstruktur einritzt befindet sich inwischen zu einem nicht zu verachtenden Bruchteil unter ihren kurzen Fingernägeln. Ihre Markenbrille mit den das Logo bildenden Strasssteinchen, ist inzwischen fast gänzlich unter ihren strähnigen Haaren verdeckt. Von Zeit zu Zeit blitzt ein Steinchen auf. Manchmal kommt sie zu mir, dann frage ich „Wovor drückst du dich, Ursula?“, das versteht sie nie, sie fragt also nach, ich wiederhole es, leider fällt mir dabei keine Schweizer Redewendung für „sich vor etwas drücken“ ein. Allmählich kommt sie mir jedoch auf die Schliche und gibt zu, dass ihr die Ansichten Sorge bereiten. Wir unterhalten uns kurz und beschwingt, dann arbeiten wir beide ein wenig motivierter weiter.

Mit Noemi habe ich noch nie geredet, sieht man mal davon ab, dass ich einen alternativen Vorschlag in einer Gruppendiskussion eingebracht habe, die sie zu lenken versuchte. Mein Vorschlag wurde umgesetzt, sie wirkte nicht so glücklich. Als ich nun an ihrem Platz vorbei gehe, sehe ich, dass auf ihrem (spiegelnden) Display der Trailer zu „New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde“, also dem neuen Teeniehysteriestreifen aus Amerika, läuft. Ich fühle mich erst bestätigt, dann schäme ich mich für meine Klischees.

Wieder am Platze und vom Modellbau aufblickend, gucke ich in das lächelnde Gesicht der Kommilitonin gegenüber. Ihren Namen kenne ich nicht. Sie lächelt mir mutmachend zu, man scheint mir anzusehen, dass der filigrane Modellbau mich einige Nerven kostet. Ich lächle mitleidig aufmunternd zurück. Vielleicht weiß sie warum, vielleicht nicht. Sie tut mir leid, weil sie das unglückliche Mitglied einer Dreiergruppe ist. Die beiden Mannen diskutieren sich in einem horrenden und vor allem lauten Kauderwelschenglisch nur so durch den Tag. Beide Englische sind ordentlich, aber nicht akzentfrei. Der eine deutsch, der andere französisch nuschelnd diskutieren sie jede Fensterverrückung zentimeterweise. Jean-Pierre* „like sis or like sis?“, daraufhin Bastian* „not a löttle like sös?“, „no, i like it mutsch better like sis.“, „why don’t we do it like sös instöd?“ [endlos]. Die namenlose Dritte im Bunde darf nicht mitreden. Sie ist zur Zeichnerin verdammt. Vielleicht ist sie zu nett. Sie ist die Motivateurin der Zirkuscrew, die gute Seele, die am Ende jedoch unscheinbar bleibt.

Während ich ihr also zulächle, lächelt direkt hinter ihr Sarah*. Sie lächelt ganz schön aufdringlich. Ich glaube sie fühlte sich vermeintlich angelächelt. Konzentriert baue ich weiter am Modell.

Als ich eine halbe Stunde später den Zeichensaal verlasse, schaue ich noch einmal zu Noemi. Die vermeintliche Moderatorin ist inzwischen beim Lippenstift angelangt. Dass ihre Gruppenpartnerin seit Tagen die edelsten Modelle produziert und neben ihr selbst die Einzelteile eine Staubschicht ansetzen, das scheint nicht ihr Problem zu sein.

In der Tür rufe ich „Adé mittenand!“, am lautesten antwortet Sarah. Sie ist die Souvenierverkäuferin, die ihre Produkte ein wenig zu aufdringlich anpreist.

Welche Rolle ich in dem Zirkus spiele ist mir noch nicht ganz klar. Vielleicht der nervige Zuschauer, der immer den Zauberer fragt, wie die Tricks funktionieren. (Dabei will ich doch einfach nur die Sprache verstehen.)

* die Personen sind natürlich frei erfunden, die Profile überspitzt. Wäre dem nicht so, hätte ich selbstverständlich die Namen geändert.

Pizza

27|11|09

Gerade beging ich den Fehler überhaupt. Ich habe (mit anderen) Pizza bestellt. Das eindeutige Zeichen dafür, dass ich noch „etwas“ länger arbeiten werde.

Wenn die Motion Picture Academy am Anfang eines Jahres die Oscars des entsprechenden Jahres für das vorangegangene Jahr verleiht, einfach so, dann darf ich an einem Donnerstag die Wörter der Woche küren.

Ich finde mehr und mehr Gefallen am Schweizerdeutsch. Es ist mal unterhaltsam, mal humorig trocken, mal einfach nur knackig treffend und, ja, hin und wieder auch einfach lächerlich. Nett ausgedrückt also charmant. Der Clou (schreibt man das inzwischen „Kluh“?) mit dem Schweizerdeutschen ist ja, dass es keine Rechtschreibung gibt. Jeder darf schreiben wie er möchte. Und jeder tut es auch. Zum Beispiel gibt’s hier ja gar kein ß. Aber in einer Sms ist so ein ß natürlich ungeheuer viel zeichensparender als ein „ss“. Demnach bekomme ich dann und wann schon mal eine Sms wie diese:

Kommst du zum eßen?

Nun mag das Argument des Zeichensparens bei dieser Smslänge nicht ziehen, aber umso verwunderlicher, was sich der Schweizer so alles einfallen lässt. Dann und wann begegnen mir Wörter, die ich verstehe und die es wert sind wiederholt zu werden (dann murmele ich so vor mich hin) oder Wörter, die ich nicht verstehe, die ich aber verstehen will (die ich dann laut wiederhole. Mit Fragezeichen dahinter). In beiden Fällen kommt danach mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – Gelächter. Die Palette reicht von Grunzlauten über beschwipstes Gekicher bis hin zu lautem Schall.

Man soll als Deutscher gar nicht versuchen, Schweizerdeutsch zu sprechen. Das hab ich vorher gelesen, das steht in jedem Reiseführer, das sagen mir alle anderen und das sag ich ja auch immer. „Ich weiß ja, ich darf das gar nicht versuchen, aber…“ – und wie alle Sätze mit aber ist auch dieser schenkenswert. Einzelne Wörter lass ich mir aber nicht verbieten.

Meine drei Lieblinge der letzten Tage.

Schoggi: „Easy“ denkt sich der Schweizer (und der Schweizer denkt ziemlich oft „easy“, oder eben „isi“). „Schoggi“ gehört zum Grundwortschatz. Und weil Touristengut Nummer Eins denkt sich auch der Tourist „isi“,versucht’s und fällt voll auf die Schnauze. Angeblich kann ich’s immer noch nicht. Dabei versuche ich es wirklich häufig. Ich betone die zweite Silbe so sehr, mehr geht schon gar nicht. Ich ziehe das „i“ so hoch ich kann. (wie in Miete oder bieten, nicht wie in Mitte oder bitten.) Außerdem mach ich dieses klitzekleine Päuschen zwischen „Scho“ und „ggi“. „Scho ggi“. Ich  spreche die beiden Gs hart, aber nicht zu hart. Fast wie ein K, aber eben noch mit dem Hauch eines Gs. Resultat der Mühen? Allseitig anerkennendes Schmunzelnicken. So à la „gewollt und nicht gekonnt“, oder „wenigstens gibt er sich Mühe“. Essen hingegen kann ich sie ganz tadellos.

öbbis/öppis/öppes: Heißt nichts anderes als „etwas“. „Lass ma öbbis mache.“ höre ich oft. Als ich fragte, wie man das denn wohl schreiben würde, entbrannte landesgerecht ein Streit. Es spricht auch jeder ein wenig anders aus. Prinzipiell gelten aber die gleichen Regeln wie bei der Schoggi. Zweite Silbe betonen, Pause direkt davor und klare Aussprache der Vokale. Inklusive schnuckeligem Schürzen der Lippen beim kurzen, gehauchten Ö. Wenn man es isoliert ausspricht, also einfach mal so ein „öbbis“ zwischendurch, dann empfiehlt es sich zum Ende des Wortes das Kinn an den Hals zu ziehen (also Doppelkinnposition) und verlegen keck zu grinsen. Auch bei diesem Wort werde ich weiterhin belehrt, wie man es natürlich richtig aussprechen muss. Und wenn ich es vom einen gelernt habe und sich dieser zufrieden zeigt, dann kommt der nächste und versucht mir seine Version anzuheimsen. Ö-Piss.

Macheli

Mascheli: Dieses Wort lernte ich, als eine Kommilitonin (dieses Wort ist hier im übrigen nahezu unbekannt) sich die flache Hand schräg auf Stirn und den Haaransatz klatschte. Alle wussten Bescheid, nur ich natürlich wieder nicht. Ich „hä?“, alle anderen „Mascheli“, ich „hä?“, die anderen „Mascheli“, ich „hä?“… Irgendwann erbarmte sich einer mir diesen Witz der Eingeweihten zu erklären. Wir haben eine Mitstudentin, man muss sie sich etwa so wie da rechts vorstellen. Wenn man nun noch weiß, dass „Mascheli“ Schleife heißt, dann wird auch die Geste plötzlich klar. Doch so richtig lässt man mich auch hier nicht in den Kreis der Eingeweihten. „Das A ist kein A!“, sagt die eine. „So wie euer deutsches Ä.“, der andere. „Aber das Ä habt ihr doch auch hier.“, denke (!) ich. Daraufhin rufe ich stolz „Mäscheli!“. „Nein!“, sagt sie, „Das ist ja ganz falsch. Kein Ä!“. „Ja aber er hat doch gerade gesagt…“, sage ich. „Nein, kein Ä.“, sagt er. „Also Maaascheli!“, rufe ich. „Nein!“, sagt sie, „kein A.“, fügt sie hinzu. Das Verwirrung ist natürlich perfekt für meinereins. Ich komme nicht vor und nicht zurück, der Schweizer weiß genau was gemeint ist. Dieser Buchstabe zwischen A und Ä. Ist ja klar.

Kennt jemand ein Wort, das phonetisch zwischen „klar“ und „Wäsche“ angesiedelt ist? Außer Mascheli wohlgemerkt. Am wenigsten unanerkennend ist das Lächeln der anderen übrigens, wenn ich’s einfach nuschele. Aber das zählt ja nicht. Verschissenes Mascheli. Warum trägt jemand sowas überhaupt?

Architektur ist neuerdings Sex.

MagicWie zuvor berichtet hausen wir Architekturstudenten größtenteils in Pavillons. Dort kommt man auf so einige dumme Gedanken – eine Entwurfstruppe stattet mit zweifelhafter Häufigkeit ein Fenster einer Seitentür mit mehr oder minder unarchitektonischen Bildern aus. Nachdem ich das letzte Mal bei dem Spruch „Fuck you, it’s magic.“ die Kamera zückte und ich nun zwar belustigt, aber nicht begeistert Raumschiffe, Bohrinseln, Spiralnebel, Sternenhimmel und sonstige Impressionen an mir vorüberziehen ließ, war es heute wieder so weit.

Anscheinend reichen simple Impressionen von kruden Architekturen oder Naturphänomenen nicht mehr aus, die Motivation der Abgabegestressten zu steigern. Jetzt muss gewölbte nackte Haut her. Überraschenderweise zückte ich daraufhin meine Kamera. So wurde ich zum Paparazzo. Opfer der eindeutig unerwünschten Öffentlichkeit ist, wenn mich nicht alles täuscht, Laetitia Casta. Sie guckt so scheu und überrascht. Gemein, sie in einem solch intimen Moment abzulichten. Und ich mach‘ auch noch mit.

Letitia

Leider war mein Weißabgleich noch auf das grelle Leuchtstoffröhrenlicht des Pavilloninneren eingestellt. Und so wirkt Laetitia im vermeintlichen Rot der Straßenlaterne umso verruchter.

[In einer früheren Version dieses Artikels befand ich ein peinlicher Kontextfehler. Ich danke meiner Tante für ihre Aufmerksamkeit.]

Über die Illuminierung der Zürcher Innenstadt zu den Weihnachtstagen (ich wollte das Wort „Weihnachtsbeleuchtung“ nicht erneut verwenden – … – Mist.) wird noch einiges zu schreiben sein. Sie wird kontrovers diskutiert, vor allem von dem blinkenden Etwas über der Bahnhofstrasse wird bald berichtet werden.

Bei meinem gastbegleiteten Ausschau vom Grossmünster jedoch hielt ich auch die Lichtallee entlang der Limmat fest. Zumindest zwei Exemplare davon.

Limmatrand

Weil gerade einiges zu tun ist – am kommenden Dienstag steht der „Boxenstopp“, eine Präsentation von einfach allem, einfach mal so zwei Wochen vor Abgabe – wird es die nächsten Tage an dieser Stelle wortkarg zugehen. Für das ein oder andere Bild sollte allerdings Zeit sein. Die Texte liest ja eh niemand.

Lindenhof

23|11|09

Als einen der schönsten Plätze Zürichs habe ich inzwischen den Lindenhof ausgemacht. Man muss sich ihn etwa folgendermaßen vorstellen, nur über zweihundert Jahre weiter:

“]Stadtmodell Lindenhof

Das Schöne an dem Platz ist seine besondere Lage. Mitten in der linksuferigen Altstadt auf einer eiszeitlichen Endmoräne und damit sehr hoch gelegen sitzt es sich ganz hervorragend auf der Mauer, neben Brunnen und Traubenverschlag. Die Aussicht von dort ist großartig. Dieses (schon einmal gezeigte) Panorama ist von dort entstanden.

Panorama der rechtsuferigen Altstadt (Niederdorf)

Als wir am Freitag dort pausierten schauten wir zu, wie eine Dame von der Stadt den Taubenverschlag säuberte. Mit Gasmaske. Die Tauben tummelten sich derweil auf dem Dach.

Tauben vorm Großmünster

Und während wir so die frische Luft atmeten, die schon durch die Lungen Casanovas, Goethes, Liszts, Schlegels, Wagners und Brahms strömte, da aßen wir Macarons. Macarons sind die originalen Luxemburgerli. Wir erhielten den Hinweis, dass auch Ladurée, die Konkurrenz von Sprüngli, einen Laden in Zürich eröffnet hat. Das ist noch gar nicht lange her. Die Geschmackserlebnisse der Macarons sind ebenfalls noch frisch. Der Vergleich Luxemburgerli/Macarons wird bald folgen.