Schweizer Platzangst

1|11|09

Ich kam in dieses Land mit dem Vorurteil, dass die Schweizer langsame Gesellen sind. Dann bestieg ich den ersten Aufzug und wurde vom Gegenteil überzeugt. Betritt der Deutsche einen Aufzug drückt er einen Knopf. Nutzt der Schweizer einen Aufzug drückt er zwei Knöpfe: Etagenzahl (bzw. hier sind es meist Buchstaben) und Tür-Zu. Die Reihenfolge ist irrelevant. Aber jeder tut es, jeder drückte den Tür-Zu-Knopf. Selbst wenn man in den Aufzug zusteigt, seinen Buchstaben drückt und als ungeübter Möchtegernschweizer vergisst, die Tür anzuweisen augenblicklich zu schließen, dann schnellt aus irgendeiner Richtung garantiert eine Hand hervor und erledigt es stattdessen. Das ganze passiert schweizerisch charmant und selbstbewusst, nicht vorwurfsvoll demonstrativ. Aber es passiert mit schweizer Zuverlässigkeit. Kürzlich kam ich gar nicht erst dazu überhaupt irgendetwas zu drücken. Ich wurde empfangen mit einem „Wohi’mögtzi?“, da lag die Hand schon auf dem Tür-Zu-Knopf.

Aufzugknopf1 Aufzugknopf2

Ich habe Untersuchungen und Umfragen angestellt. Die Schweizer tun total verdaddert wenn man sie darauf anspricht. Sie merken kaum, was sie da tun. Sie sind eins mit dem Knopf. Ihr einziger Gedanke scheint „Ich will nicht Treppe laufen, also fahr ich Aufzug. Aber ich mag keine kleinen Räume, also muss ich schnell wieder raus.“ zu sein. Vielleicht haben sie auch einfach nur eine unerklärliche Vorliebe für das Drücken von Knöpfchen. (Aber wer hat das nicht?)

Einen amerikanischen Kommilitonen, der sonst von nichts anderes als Dolly Parton und Whiskey aus Tennessee reden mag. brachte ich immerhin dazu mir mitzuteilen, dass es diese Knöpfe in Amerika zwar auch gibt, sie jedoch niemand drückt, weil es so oder so „sieben Sekunden“ benötigt bis die Tür schließt. Sieben Sekunden? Sie scheinen veraltete Technik zu benutzen da drüben.

Bei meinem Aufenthalt in Deutschland wollte ich in dem einzigen Aufzug der mir in die Quere kam, nämlich dem kleinen im Unialtgebäude zielstrebig genau mit diesem Knopf meine Fahrtzeit verkürzen, doch meine angestrebte Verstreuung internationalen Flairs wurde jäh im Keime erstickt, als dieser Aufzug sich nicht mal im Besitz eines solchen Knopfes befand.

Kann das sein? Die produktiven, schnellen, fleißigen Deutschen verschenken Stunden ihres Lebens im Aufzug, die Schweizer rennen uns davon. Die Welt steht Kopf.

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3 Antworten to “Schweizer Platzangst”

  1. Hm. Ich drücke diesen Tür-Zu-Knopf auch immer, gerne auch für langsamere Mitreisende. Bei mir ist es allerdings reine Ungeduld. Wirklich.

  2. Maika said

    Ich suche seit Jahren nach Tür-Zu-Knöpfen in deutschen Fahrstühlen. Hat’s kaum.

  3. Motti said

    als ich neulich in den fahrstuhl im alten gzmb gebäude stand, hörte ich von draußen her den hausmeister davon erzhälen, wie oft der fehrstuhl kaputt ginge, und dass grade den tag vorher wieder einer stecken geblieben war. an der etage angekommen ging die tür (eigentlich wie immer muss ich dazu sagen) erst nach einigem zögern und mit meiner mithilfe auf.
    das führte dazu, dass ich die (es sind ja nur 3) stockwerke nun grundsätzlich laufe -_-

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