Wörter der Woche.01

26|11|09

Wenn die Motion Picture Academy am Anfang eines Jahres die Oscars des entsprechenden Jahres für das vorangegangene Jahr verleiht, einfach so, dann darf ich an einem Donnerstag die Wörter der Woche küren.

Ich finde mehr und mehr Gefallen am Schweizerdeutsch. Es ist mal unterhaltsam, mal humorig trocken, mal einfach nur knackig treffend und, ja, hin und wieder auch einfach lächerlich. Nett ausgedrückt also charmant. Der Clou (schreibt man das inzwischen „Kluh“?) mit dem Schweizerdeutschen ist ja, dass es keine Rechtschreibung gibt. Jeder darf schreiben wie er möchte. Und jeder tut es auch. Zum Beispiel gibt’s hier ja gar kein ß. Aber in einer Sms ist so ein ß natürlich ungeheuer viel zeichensparender als ein „ss“. Demnach bekomme ich dann und wann schon mal eine Sms wie diese:

Kommst du zum eßen?

Nun mag das Argument des Zeichensparens bei dieser Smslänge nicht ziehen, aber umso verwunderlicher, was sich der Schweizer so alles einfallen lässt. Dann und wann begegnen mir Wörter, die ich verstehe und die es wert sind wiederholt zu werden (dann murmele ich so vor mich hin) oder Wörter, die ich nicht verstehe, die ich aber verstehen will (die ich dann laut wiederhole. Mit Fragezeichen dahinter). In beiden Fällen kommt danach mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – Gelächter. Die Palette reicht von Grunzlauten über beschwipstes Gekicher bis hin zu lautem Schall.

Man soll als Deutscher gar nicht versuchen, Schweizerdeutsch zu sprechen. Das hab ich vorher gelesen, das steht in jedem Reiseführer, das sagen mir alle anderen und das sag ich ja auch immer. „Ich weiß ja, ich darf das gar nicht versuchen, aber…“ – und wie alle Sätze mit aber ist auch dieser schenkenswert. Einzelne Wörter lass ich mir aber nicht verbieten.

Meine drei Lieblinge der letzten Tage.

Schoggi: „Easy“ denkt sich der Schweizer (und der Schweizer denkt ziemlich oft „easy“, oder eben „isi“). „Schoggi“ gehört zum Grundwortschatz. Und weil Touristengut Nummer Eins denkt sich auch der Tourist „isi“,versucht’s und fällt voll auf die Schnauze. Angeblich kann ich’s immer noch nicht. Dabei versuche ich es wirklich häufig. Ich betone die zweite Silbe so sehr, mehr geht schon gar nicht. Ich ziehe das „i“ so hoch ich kann. (wie in Miete oder bieten, nicht wie in Mitte oder bitten.) Außerdem mach ich dieses klitzekleine Päuschen zwischen „Scho“ und „ggi“. „Scho ggi“. Ich  spreche die beiden Gs hart, aber nicht zu hart. Fast wie ein K, aber eben noch mit dem Hauch eines Gs. Resultat der Mühen? Allseitig anerkennendes Schmunzelnicken. So à la „gewollt und nicht gekonnt“, oder „wenigstens gibt er sich Mühe“. Essen hingegen kann ich sie ganz tadellos.

öbbis/öppis/öppes: Heißt nichts anderes als „etwas“. „Lass ma öbbis mache.“ höre ich oft. Als ich fragte, wie man das denn wohl schreiben würde, entbrannte landesgerecht ein Streit. Es spricht auch jeder ein wenig anders aus. Prinzipiell gelten aber die gleichen Regeln wie bei der Schoggi. Zweite Silbe betonen, Pause direkt davor und klare Aussprache der Vokale. Inklusive schnuckeligem Schürzen der Lippen beim kurzen, gehauchten Ö. Wenn man es isoliert ausspricht, also einfach mal so ein „öbbis“ zwischendurch, dann empfiehlt es sich zum Ende des Wortes das Kinn an den Hals zu ziehen (also Doppelkinnposition) und verlegen keck zu grinsen. Auch bei diesem Wort werde ich weiterhin belehrt, wie man es natürlich richtig aussprechen muss. Und wenn ich es vom einen gelernt habe und sich dieser zufrieden zeigt, dann kommt der nächste und versucht mir seine Version anzuheimsen. Ö-Piss.

Macheli

Mascheli: Dieses Wort lernte ich, als eine Kommilitonin (dieses Wort ist hier im übrigen nahezu unbekannt) sich die flache Hand schräg auf Stirn und den Haaransatz klatschte. Alle wussten Bescheid, nur ich natürlich wieder nicht. Ich „hä?“, alle anderen „Mascheli“, ich „hä?“, die anderen „Mascheli“, ich „hä?“… Irgendwann erbarmte sich einer mir diesen Witz der Eingeweihten zu erklären. Wir haben eine Mitstudentin, man muss sie sich etwa so wie da rechts vorstellen. Wenn man nun noch weiß, dass „Mascheli“ Schleife heißt, dann wird auch die Geste plötzlich klar. Doch so richtig lässt man mich auch hier nicht in den Kreis der Eingeweihten. „Das A ist kein A!“, sagt die eine. „So wie euer deutsches Ä.“, der andere. „Aber das Ä habt ihr doch auch hier.“, denke (!) ich. Daraufhin rufe ich stolz „Mäscheli!“. „Nein!“, sagt sie, „Das ist ja ganz falsch. Kein Ä!“. „Ja aber er hat doch gerade gesagt…“, sage ich. „Nein, kein Ä.“, sagt er. „Also Maaascheli!“, rufe ich. „Nein!“, sagt sie, „kein A.“, fügt sie hinzu. Das Verwirrung ist natürlich perfekt für meinereins. Ich komme nicht vor und nicht zurück, der Schweizer weiß genau was gemeint ist. Dieser Buchstabe zwischen A und Ä. Ist ja klar.

Kennt jemand ein Wort, das phonetisch zwischen „klar“ und „Wäsche“ angesiedelt ist? Außer Mascheli wohlgemerkt. Am wenigsten unanerkennend ist das Lächeln der anderen übrigens, wenn ich’s einfach nuschele. Aber das zählt ja nicht. Verschissenes Mascheli. Warum trägt jemand sowas überhaupt?

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3 Antworten to “Wörter der Woche.01”

  1. anneo77 said

    Sensationeller Beitrag! Bitte, bitte mehr davon! :-)

  2. Max said

    Ja, wirklich toller Beitrag! :)

    Pass aber mit dem Ö-Piss auf, sonst landest du bei „Öpis“, dem Plural von Öpi, zuweilen gebraucht als Mundart für „Opis“, also Grossväter, bzw. alte Männer.
    So im Sinne von: „Im Altersheim hetts Öpis“^^

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