Zeichensaalszenen.01

28|11|09

Die Vielfalt unter Studenten ist einmalig. Der Zeichensaal ist ein kleines Unternehmen mit den unterschiedlichsten Darstellern. Es gleicht einem kunterbunten Zirkus, mittendrin ich als stiller Beobachter.

Ein Tisch hinter mir sitzt Noemi*. Sie hat soeben einen Schminkspiegel aus ihrer Tasche geholt. Wahrscheinlich ist ihr da eben im spiegelnden Notebookdisplay etwas in ihrem Gesicht aufgefallen. Sie ist schön und sie weiß dass sie schön ist. Leider wirkt sich das ungünstig auf ihr Verhalten gegenüber Mitmenschen aus. Sie erscheint delegierend und herablassend. Das kann sich leisten, wer makellos schön ist, mag sie sich denken und beseitigt diesen eben gefundenen Makel. Zu dem Spiegel zückt sie also eine Pinzette und beginnt ihre Augenbrauen zu korrigieren.

Drei Tische weiter befindet sich Ursula* in der Rotation. Ursula ist die Reinigungskraft in diesem Zirkus. Sie hat sich sich zum Ziel gesetzt, nicht sich selbst makellos aussehen zu lassen, sondern ihr Modell. Makellos realistisch. Dafür opfert sie ihre Erscheinung. Sie ist klein, eher unscheinbar und seit Tagen zunehmend ungepflegter. Der Gips, in den sie die Mauerstruktur einritzt befindet sich inwischen zu einem nicht zu verachtenden Bruchteil unter ihren kurzen Fingernägeln. Ihre Markenbrille mit den das Logo bildenden Strasssteinchen, ist inzwischen fast gänzlich unter ihren strähnigen Haaren verdeckt. Von Zeit zu Zeit blitzt ein Steinchen auf. Manchmal kommt sie zu mir, dann frage ich „Wovor drückst du dich, Ursula?“, das versteht sie nie, sie fragt also nach, ich wiederhole es, leider fällt mir dabei keine Schweizer Redewendung für „sich vor etwas drücken“ ein. Allmählich kommt sie mir jedoch auf die Schliche und gibt zu, dass ihr die Ansichten Sorge bereiten. Wir unterhalten uns kurz und beschwingt, dann arbeiten wir beide ein wenig motivierter weiter.

Mit Noemi habe ich noch nie geredet, sieht man mal davon ab, dass ich einen alternativen Vorschlag in einer Gruppendiskussion eingebracht habe, die sie zu lenken versuchte. Mein Vorschlag wurde umgesetzt, sie wirkte nicht so glücklich. Als ich nun an ihrem Platz vorbei gehe, sehe ich, dass auf ihrem (spiegelnden) Display der Trailer zu „New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde“, also dem neuen Teeniehysteriestreifen aus Amerika, läuft. Ich fühle mich erst bestätigt, dann schäme ich mich für meine Klischees.

Wieder am Platze und vom Modellbau aufblickend, gucke ich in das lächelnde Gesicht der Kommilitonin gegenüber. Ihren Namen kenne ich nicht. Sie lächelt mir mutmachend zu, man scheint mir anzusehen, dass der filigrane Modellbau mich einige Nerven kostet. Ich lächle mitleidig aufmunternd zurück. Vielleicht weiß sie warum, vielleicht nicht. Sie tut mir leid, weil sie das unglückliche Mitglied einer Dreiergruppe ist. Die beiden Mannen diskutieren sich in einem horrenden und vor allem lauten Kauderwelschenglisch nur so durch den Tag. Beide Englische sind ordentlich, aber nicht akzentfrei. Der eine deutsch, der andere französisch nuschelnd diskutieren sie jede Fensterverrückung zentimeterweise. Jean-Pierre* „like sis or like sis?“, daraufhin Bastian* „not a löttle like sös?“, „no, i like it mutsch better like sis.“, „why don’t we do it like sös instöd?“ [endlos]. Die namenlose Dritte im Bunde darf nicht mitreden. Sie ist zur Zeichnerin verdammt. Vielleicht ist sie zu nett. Sie ist die Motivateurin der Zirkuscrew, die gute Seele, die am Ende jedoch unscheinbar bleibt.

Während ich ihr also zulächle, lächelt direkt hinter ihr Sarah*. Sie lächelt ganz schön aufdringlich. Ich glaube sie fühlte sich vermeintlich angelächelt. Konzentriert baue ich weiter am Modell.

Als ich eine halbe Stunde später den Zeichensaal verlasse, schaue ich noch einmal zu Noemi. Die vermeintliche Moderatorin ist inzwischen beim Lippenstift angelangt. Dass ihre Gruppenpartnerin seit Tagen die edelsten Modelle produziert und neben ihr selbst die Einzelteile eine Staubschicht ansetzen, das scheint nicht ihr Problem zu sein.

In der Tür rufe ich „Adé mittenand!“, am lautesten antwortet Sarah. Sie ist die Souvenierverkäuferin, die ihre Produkte ein wenig zu aufdringlich anpreist.

Welche Rolle ich in dem Zirkus spiele ist mir noch nicht ganz klar. Vielleicht der nervige Zuschauer, der immer den Zauberer fragt, wie die Tricks funktionieren. (Dabei will ich doch einfach nur die Sprache verstehen.)

* die Personen sind natürlich frei erfunden, die Profile überspitzt. Wäre dem nicht so, hätte ich selbstverständlich die Namen geändert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: