Die Bundesratsfotos der Schweiz

30|01|10

Im Zuge des Artikels zu den Namen der Bundesräte und auch schon früher, bei dem Artikel über Cruella De Vil Micheline Calmy-Rey stieß ich auf das entsprechende Bundesratsfoto der Schweiz. Das Ding hat Tradition. Da hier im Jahresturnus der Bundespräsident (hier nicht repräsentativer Schamane, sondern Oberhaupt des Stammes, um mal in Peitschen-Peers Metaphorik zu bleiben) wechselt und der Bundespräsident für die Konzeption des Bundesratsfotos verantwortlich ist, kriegt man Jahr für Jahr was nettes neues zu Gesicht. Das Ganze scheint hier ähnlich wichtig zu sein, wie beispielsweise die Wahl der Miss Schweiz. Es wird kontrovers diskutiert und nicht selten wird versucht, daraus Schlüsse über das kommende politische Jahr zu ziehen. Anlass genug für einen kleinen Überblick über die letzten paar Jahre Bundesratsdrappage.

Bundesratsfoto Schweiz 2007

Bundesratsfoto Schweiz 2007

2007 war das Jahr der Micheline Calmy-Rey. (Ich verzichte jetzt mal auf diese selbstgefällige Eigenverlinkung. Der Artikel ist ja oben schon verknüpft.) Micheline Calmy-Rey, die strahlende Politikpersönlichkeit der Schweiz. Modisch immer auf dem neusten Stand. Nicht nur deshalb jedoch nicht immer ernst genommen. Liegt vielleicht auch an der wechselnden Farbe ihrer Haarsträhnen. Man weiß es nicht. Wenn man sich das Bild so anschaut möchte man ihr unterstellen, dass sie in ihrer Freizeit (!) gerne mal bei einer Folge Topmodel (muss Dschörmenies Variante sein, gibt’s hier in der Schweiz nämlich nicht.) abschaltet. Als Präsidentin schreitet sie mit einer Energie voran, die sonst nur noch der Schnauzbart zur Rechten (Samuel Schmid) zu entwickeln droht. Herr Merz (zweiter von rechts) hingegen scheint zu viel Respekt vor dem gefliesten Schweizer Kreuz zu haben. Er strauchelt lieber ein wenig vor sich hin.

Bundesratsfoto Schweiz 2008

Bundesratsfoto Schweiz 2008

In seiner zweiten Amtszeit als Bundespräsident wollte Pascal Couchepin wohl besondere Nähe zum Volk suggerieren. Und fällt voll auf die Nase, denn das Bild transportiert nicht viel mehr als die Botschaft „Politiker sind auch nur ein Teil der Masse“. Dabei hat man sich solche Mühe gegeben, schön kontrastierende Paradiesvögel der Gesellschaft aufzutreiben. Da wird eine Multikulturalität (?) demonstriert, die mir hier so noch nie begegnet ist. (Aber ich war 2008 auch nicht in der Schweiz.) Alles ist dabei. Alle Nationalitäten, alle Körperzustände, alle Altersphasen (aber wahrheitsgetreu besonders viele Alte, das langweilt die Kinder in der ersten Reihe auch ein wenig.), Bemützte, Karierte, Machos und Coiffeusen, Babys und schon wieder landestypische Schnauzbärte. Erkennungsmerkmal der Bundesräte ist neben einfallsloser Kleidung der direkte Blick in die Kamera. Das ist so unterschwellig gewitzt, ich hab das mal herausgearbeitet.

Bundesrat 2008 Ausschnitt

Bundesrat 2008 Ausschnitt

Und das Volk tut wie ihm geheißen, es schaut weg. Außer einer, denn ein kleiner Flitzer hat sich reingeschummelt. Direkt hinter Herrn Merz (zweiter von rechts). Da kauert er und wagt mit einem Auge den Blickkontakt. Vielleicht erklärt sich so der etwas angewiederte Blick von Frau Calmy-Rey. Möglichweise aber pustet ihr der Hintermann auch einfach nur ganz gemein in ihre Frisur. Schuft.

(Anmerkung Maika: „tihi“)

Bundesratsfoto der Schweiz 2009-1

Bundesratsfoto der Schweiz 2009-1

2009 durfte endlich Friedrich Merz sieben Zentimeter vor allen anderen stehen. Dass ihn das optisch kleiner macht hatte er nicht bedacht – er grinst es charmant bei Seite. Statisch und dennoch wütend dynamisch war wohl der Hintergedanke bei diesem erstmals digital zusammengeschusterten Bild, öffnet man es mit gewissen Programmen ist sogar noch eine Hilfslinie auf zwei Metern Höhe hinterlegt. Die digitale Komposition sollte sich alsbald auszahlen, denn als zum ersten November des Jahres Pascal Couchepin durch Didier Burkhalter ersetzt wurde…

Bundesratsfoto Schweiz 2009-2

Bundesratsfoto Schweiz 2009-2

…war man mit einer Fotografie des neuen Bundesrats und einer Stunde photoschöppeln (so heißt es hier in der Schweiz) fein raus. Endlich waren alle Bundesräte von ähnlicher Größe, Pascal Couchepin hatte man erfolgreich rausgemobbt, nachdem er sich standhaft weigerte, so wie seine Geschlechtsgenossen eine Hand in die Hose zu stecken. Man gruppierte munter um und plötzlich schwebte Ueli Maurers linker Fuß noch mehr als zuvor (das SVP-Pummelchen). Wenn man die Augen zu 98 % Prozent zusammenkneift dann fällt irgendwann auch nicht mehr auf, dass der Neue (links) falsch belichtet ist, deshalb auch Lackschühchen zu tragen scheint, die zudem auch noch perspektivisch falsch den Boden berühren. Doch die Schweiz musste mit diesem Bild ja nur zwei Monate aushalten, ein Glück.

Bundesratsfoto Schweiz 2010

Bundesratsfoto Schweiz 2010

Oder doch kein Glück, denn Doris Leuthard (beige bemantelt) wischte sämtliche Konventionen vom Tisch und haute danach nochmal ein bisschen auf die Kacke. Weg mit dem Querformat, Rückbesinnung auf die weibliche Dynamik von 2007, „und jetzt ab in Zweierreihen, Frauen immer in den Vordergrund! Nein, du nicht Corina Casanova, du bist nur Kanzlerin, du machst die Nachhut. Außerdem gefällt mir dein rosa Jäckchen nicht.“ Denn während sich 2009 noch alle aus Rücksicht vor dem roten Hintergrund schlicht schwarz kleideten, setzte die Schweizer Mode nun ihren Siegeszug fort. Ich zitiere den Blick, das Schweizer Bild-Pendant: „Aussenministerin Micheline Calmy-Rey wählte violett, Bundeskanzlerin Corina Casanova pink. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf hat sich für ein klassisches nachtblaues Deux-Pieces entschieden, und Bundespräsidentin Doris Leuthard trägt einen beigen Mantel in Dreiviertel-Länge.“ Als wäre all das nicht absurd genug, griff man für den Hintergrund ausgerechnet dorthin, wo eigentlich schon die zerschlagenen Exkremente vom Anfang hingehört hätten: ins Klo. Das Bundeshaus verpixelt. Versteht wirklich niemand hier, warum die Bundesräte auf einmal auf Klassenfahrt in einem Nintendo64-Spiel sind. Aber dieser Streifzug durch digitale Welten erklärt auch, warum nur die Füße Schatten werfen. Die Rechenleistung dieser alten Kisten ist begrenzt.

„Und nun weiter im Gleichschritt! Ja, Reihe Zwei und Drei ihr macht das schon ganz gut…“

Bevor man jetzt anfängt, sich zu überlegen, wie sowas in Deutschland unter Angela Merkel aussähe, ist ein Streifzug durch die Galerie der älteren Fotos unbedingt vorzuziehen. Das kann man auf den Seiten des Schweizer Bundesrats tun oder in der Wikipedia. Besonderes Augenmerk sei dabei auf Moritz Leuenberger gelegt, der erst nach langem Kampf mit sich selbst die Denkerpose ablegte und ein Lächeln aufsetzte. Und zwar so 2005/2006.

[Die Bilder stammen allesamt, von den Internetseiten des Schweizer Bundesrats. Musste gesagt werden.]

Ach und nochmal drauf achten: der Vizebundespräsident des aktuellen Jahres ist immer ebenfalls ein wenig hervorgehoben und darf so schonmal Präsenz üben für das nächste Jahr, wenn er nämlich selbst als Präsident in den Vordergrund darf.

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2 Antworten to “Die Bundesratsfotos der Schweiz”

  1. Maika said

    Sehr gerne hätte ich das „Bundesratsfoto 2008“ mit einem „tihi“ kommentiert. Ging aber nicht. Deswegen an dieser Stelle. Tihi.

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