Rekapitulation

8|02|10

Als ich vor sehr genau fünf Monaten in die Schweiz zog und vorbereitend diesen Blog einrichtete, da waren meine Erwartungen an die – und damit mein Bild von der Schweiz noch ein anderes. Nicht umsonst ist dieser Blog mit einem Schimpfwort betitelt, nicht umsonst gab und gibt es die vorgesehene Kategorisie „negativ“, nicht umsonst spreche ich in der Idee alles befürchtend von einem „Experiment“.

Kategorien

Nun, die Bilanz sieht anderes aus. Wenn man die Kategorisierungen der Artikel anschaut – ich mache das mal wissenschaftlich und nehme nicht das schwammige Indiz der Befindlichkeit – dann steht es im Verhältnis recht klar 1:6, negativ zu positiv. Und wenn man sich die vermeintlich negativen Artikel im Einzelnen anschaut, dann sind es Dinge, die in Deutschland mindestens genauso sind, oder läppische Lappalien (aka eigene Blödheit), oder EU-Gekröse oder Ironie.
Oder eben die dappigen Dubels von der SVP.

Inzwischen muss und darf ich also rückblickend und freudig zugeben, dass die ganzen Befürchtungen unbegründet waren. Vielleicht bewege ich mich in den falschen (viel zu toleranten und offenherzigen) Kreisen, vielleicht ist Zürich nicht die Schweiz (ist es wohl wirklich nicht), vielleicht trage ich rosafarbene Kontaktlinsen und weiß nichts davon, aber ganz vielleicht ist auch einfach das Bild in den Medien verzerrt.

Es wäre zu einfach, das alles auf die olle SVP zu schieben, auch wenn diese eine befremdliche Vielzahl an Medienpartnern hinter sich schart. Ich kann es nicht auf die SVP schieben, ich kann es auch auf sonst niemanden schieben, dafür fehlt mir Weitsicht und Überblick, den ich nach fünf Monaten sicherlich noch nicht erlangt habe, gut möglich, nein, garantiert auch in den nächsten Monaten nicht erlangen werde. Ein Artikel der in Das Magazin, einem Beileger großer Schweizer Tageszeitungen erschienen ist, befasst sich mit der gegenwärtigen Diskrepanz von Medientenor und tatsächlicher Welt, mit besonderem Blick auf das Gesundheitsmetier. Der trotz einer gewissen Oberflächlichkeit lesenswerte Artikel mit dem Titel „Alles halb so wild mit den Deutschen“ von Anuschka Roshani ist hier in der Gänze zu finden, der Kernabsatz nun im Zitat.

„Es kann doch kein Zufall sein, dass sich jemand wie Christina Springer länger gefragt hat, ob sie sich das wirklich antun muss: sich derartig wenig willkommen zu fühlen. Bei ihrer Ausbildung standen der Fachärztin aus Heidelberg genug andere Stellen offen, und sie überlegte im vergangenen Sommer hin und her, ob sie das Angebot aus Zürich annehmen sollte. In deutschen Zeitungen und Magazinen hatte sie immer wieder gelesen, dass Deutsche in der Schweiz alles andere als gern gesehen seien, sogar verhasst. Letztlich entschied sie sich dafür, weil ihr Freunde in der Schweiz bestätigten, dass «in Wahrheit alles halb so wild» sei.
Sonderbar, dass es Medienberichten heute noch gelingt, die Leute nervös zu machen. In einer Zeit, in der niemand mehr auf die Idee käme, die Wirklichkeit mit einem Flimmerbild zu verwechseln. Niemand mehr den Satz «Es steht in der Zeitung» als Beweismittel anführt. Jeder weiss, Medienbilder sind so naturidentisch wie das Erdbeerjoghurt mit der Erdbeere — ohne Geschmacksverstärker läuft gar nichts. Ohne Spektakel. Leise Töne im Fernsehen sind nun mal wenig unterhaltsam.
Und obwohl wir das alles wissen, haben es Zeitung und Fernsehen geschafft, gewollt oder nicht, mit dem Lamento über Deutsche nicht nur Quote, sondern auch Stimmung zu machen. Ein Feindbild aufzubauen, das im Konfliktfall mit der Wirklichkeit in Deckung gebracht wird.“

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