Bündnerfleisch

26|09|10

Ein bisschen zu spät fast schon will ich hier unbedingt noch das sicher schon Kultvideo vom nicht mal mehr amtierenden Bundesrat Hans-Rudolf Merz unterbringen. Beim Verlesen einer etwas dröge formulierten Erklärung zum Zusatz von Geschmackstoffen verliert er die Beherrschung. Das Video war in aller Munde, die Bündner nutzten die Gunst der Stunde und verteilten daraufhin Bünderfleisch vor dem Landtag in Bern, bedruckt mit dem Konterfei Hans-Rudolf Merz‘.

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Man muss erst angerufen werden, um zu kapieren, woran es liegt, dass man das Schweizerdeutsche zeitweise nicht gut versteht. Leider werde ich hier so selten angerufen (Ich kann nach neun Monaten immer noch nicht meine Schweizer HandyNatelnummer auswendig.), dass die Erkenntnis erst heute kam. Am Telefon verstand ich fast nichts. Was ich inzwischen geübt mit einer sorgfältig ausgewogenen Mischung aus „Ja“s und „Mmh“s und „naja“s erwiedere, „nein“s entlarven einen meist. Eigentlich fällt es erst auf, wenn ich nicht im richtigen Moment lache. Vertrackt.

Als ich mich später mit ein und der selben Person unter erhöhtem Lautstärkepegel unterhielt – die Abmachung erfolgte dann per Sms, nicht per Gesprochenem – da verstand ich plötzlich alles. Man muss die Leute also angucken. Hätte man auch früher drauf kommen können.

Weil sie die schönste (und quadratischste) Flagge auffa ganzen Welt hat.

Weil die Landschaft in normalen Höhen nie einen sonderlich weiten Blick zulässt und das so eine gewisse Dauergrundspannung erzeugt.

Weil der Blick von den Bergen daher bestimmt umso grandioser ist. (Zu gerne würde ich aus Erfahrung sprechen, aber meine Faulheit verwehrt es mir.)

Weil man immer nur kleine Wasserflaschen mit sich rumtragen braucht, schließlich kann man sie überall an den Brunnen auffüllen.

Weil man eigentlich gar keine Wasserflaschen mit sich rumtragen braucht, schließlich gibt es ja Brunnen.

Weil es sogar Brunnen im Wald gibt. (Was mich heute beim Waldlauf zu einem sehr glücklichen Menschen machte.)

Weil sie eine lustige, nicht immer leicht zu verstehende Sprache sprechen, die sie aber meist so langsam übermitteln, dass man doch alles versteht.

Weil die Schweiz Wörter wie Fütli, Gipfeli und Chüechli zu verantworten hat.

Weil es lustig ist zuzuschauen, wie alle behaupten, dass Rivella lecker sei.

Weil die Supermärkte eine ganz großartige Rabattierungspolitik haben.

Weil die Schweiz sehr offen gegenüber neuer Architektur ist.

Weil Chips hier so unverschämt teuer sind, dass ich sie einfach nicht kaufe.

Weil der öffentliche Nahverkehr überaus zuverlässig ist.

Weil Tag für Tag mehr Sonnenstrahlen auf mein Gesicht treffen. (Ungeheuer schweizspezifisch.)

Weil es hier ein paar ganz feine Spezialitäten gibt, die aber nicht so gut sind, dass man sich damit maßlos befräße.

Weil es immer ein bisschen Nervenkitzel erzeugt, wenn man nicht weiß, ob mit „Masse“ die Gewichts- oder die Längenvariante gemeint ist.

Weil einem wegen genau dieses Nichtvorhandenseins des ß so dämliche Beschriftungen wie „SPAßBAD GIEßEN“ erspart.

Weil mir bestimmt noch weitere tolle Sachen auffallen werden.

Zugegebenermaßen habe ich sie nicht so ganz geschenkt bekommen, (Warum eigentlich nicht?) aber sie sind zweifelsohne von hoher Schenkeigung. Und angeboten bekommen ist ja auch fast ein klein bisschen wie Besitzrechtsübertragung.

Schweizer Zaltli

Schweizer Zaltli

„Zaltli“ ist nur eine von mindestens zweihundersechsundneunzig Schweizerdeutschen Ausdrücken für „Bonbon“. Alternativen wären beispielsweise „Dröblis“ oder „Dröbsli“, „Tääfeli“, „Zückerli“ und „Guetzli“. Womit ich dann auch für jedes der fotografierten Dinger einen eigenen Namen hätte.

[inspiriert von den Notizen der Frau mit den lustigen Proportionen.]

Die Mitteilung, dass die Abgabe nicht erst in fünf Tagen sondern schon morgen ist, kam heute Mittag Morgen sehr überraschend.

In Deutschland heißt es „die Tram“, in der Schweiz „das Tram“ und in Spanien „der Tram“.

Die Vielfalt der Welt entlädt sich in einem Artikel – irre!

Noch die Auswertung der Arztumfrage (die damit geschlossen ist): 44 Prozent meiner votierenden Leserschaft ist es egal, ob der Arzt Schweizer oder Deutscher ist, zweiundzwanzig Prozent verweigern beide Nationalitäten bzw. gehen nicht zum Arzt aus Angst nachher noch krank zu sein. Schließlich bevorzugen 33 Prozent Dr. Polldaddy, Dr. Suggardaddy oder Dr. Grey. (Komischwerweise nicht Dr. Shepard.) Zusammenfassend ist also festzustellen, dass meine Leserschaft mehrheitlich sehr offen oder eben ein wenig deppert ist.

Was keine große Überraschung ist.

Ich hab mich inzwischen bis auf den zweiten Platz unter den Google-Treffern auf die Suchanfrage „rollcontainer schloss knacken“ vorgekämpft. Aber glücklicherweise steht dann in der Vorschau „rollcontainer schloss knacken : Blöder, böser Mensch!“.

Das ist einer meiner unzähligen Beiträge zur Verbesserung der Welt.

Schönstes Schweizer Wort der Woche: „Fütli“ oder wie der Schweizer auch sagt „Orrsch!“

Warum betont der Radiomoderator jedes Mal wenn er „Ich + Ich“ spielt, dass das Musi aus Dütschland ist? Dabei ist doch gar nicht die Nationalität der Musik, sondern die Moderation mein Abschaltimpuls.

Wann wird der Himmel hier in Zürich endlich mal wieder blau?

Wenn mich nicht täuscht, ist morgen immer noch die Abgabe.

Die Vielfalt unter Studenten ist einmalig. Der Zeichensaal ist ein kleines Unternehmen mit den unterschiedlichsten Darstellern. Es gleicht einem kunterbunten Zirkus, mittendrin ich als stiller Beobachter.

Ein Tisch hinter mir sitzt Noemi*. Sie hat soeben einen Schminkspiegel aus ihrer Tasche geholt. Wahrscheinlich ist ihr da eben im spiegelnden Notebookdisplay etwas in ihrem Gesicht aufgefallen. Sie ist schön und sie weiß dass sie schön ist. Leider wirkt sich das ungünstig auf ihr Verhalten gegenüber Mitmenschen aus. Sie erscheint delegierend und herablassend. Das kann sich leisten, wer makellos schön ist, mag sie sich denken und beseitigt diesen eben gefundenen Makel. Zu dem Spiegel zückt sie also eine Pinzette und beginnt ihre Augenbrauen zu korrigieren.

Drei Tische weiter befindet sich Ursula* in der Rotation. Ursula ist die Reinigungskraft in diesem Zirkus. Sie hat sich sich zum Ziel gesetzt, nicht sich selbst makellos aussehen zu lassen, sondern ihr Modell. Makellos realistisch. Dafür opfert sie ihre Erscheinung. Sie ist klein, eher unscheinbar und seit Tagen zunehmend ungepflegter. Der Gips, in den sie die Mauerstruktur einritzt befindet sich inwischen zu einem nicht zu verachtenden Bruchteil unter ihren kurzen Fingernägeln. Ihre Markenbrille mit den das Logo bildenden Strasssteinchen, ist inzwischen fast gänzlich unter ihren strähnigen Haaren verdeckt. Von Zeit zu Zeit blitzt ein Steinchen auf. Manchmal kommt sie zu mir, dann frage ich „Wovor drückst du dich, Ursula?“, das versteht sie nie, sie fragt also nach, ich wiederhole es, leider fällt mir dabei keine Schweizer Redewendung für „sich vor etwas drücken“ ein. Allmählich kommt sie mir jedoch auf die Schliche und gibt zu, dass ihr die Ansichten Sorge bereiten. Wir unterhalten uns kurz und beschwingt, dann arbeiten wir beide ein wenig motivierter weiter.

Mit Noemi habe ich noch nie geredet, sieht man mal davon ab, dass ich einen alternativen Vorschlag in einer Gruppendiskussion eingebracht habe, die sie zu lenken versuchte. Mein Vorschlag wurde umgesetzt, sie wirkte nicht so glücklich. Als ich nun an ihrem Platz vorbei gehe, sehe ich, dass auf ihrem (spiegelnden) Display der Trailer zu „New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde“, also dem neuen Teeniehysteriestreifen aus Amerika, läuft. Ich fühle mich erst bestätigt, dann schäme ich mich für meine Klischees.

Wieder am Platze und vom Modellbau aufblickend, gucke ich in das lächelnde Gesicht der Kommilitonin gegenüber. Ihren Namen kenne ich nicht. Sie lächelt mir mutmachend zu, man scheint mir anzusehen, dass der filigrane Modellbau mich einige Nerven kostet. Ich lächle mitleidig aufmunternd zurück. Vielleicht weiß sie warum, vielleicht nicht. Sie tut mir leid, weil sie das unglückliche Mitglied einer Dreiergruppe ist. Die beiden Mannen diskutieren sich in einem horrenden und vor allem lauten Kauderwelschenglisch nur so durch den Tag. Beide Englische sind ordentlich, aber nicht akzentfrei. Der eine deutsch, der andere französisch nuschelnd diskutieren sie jede Fensterverrückung zentimeterweise. Jean-Pierre* „like sis or like sis?“, daraufhin Bastian* „not a löttle like sös?“, „no, i like it mutsch better like sis.“, „why don’t we do it like sös instöd?“ [endlos]. Die namenlose Dritte im Bunde darf nicht mitreden. Sie ist zur Zeichnerin verdammt. Vielleicht ist sie zu nett. Sie ist die Motivateurin der Zirkuscrew, die gute Seele, die am Ende jedoch unscheinbar bleibt.

Während ich ihr also zulächle, lächelt direkt hinter ihr Sarah*. Sie lächelt ganz schön aufdringlich. Ich glaube sie fühlte sich vermeintlich angelächelt. Konzentriert baue ich weiter am Modell.

Als ich eine halbe Stunde später den Zeichensaal verlasse, schaue ich noch einmal zu Noemi. Die vermeintliche Moderatorin ist inzwischen beim Lippenstift angelangt. Dass ihre Gruppenpartnerin seit Tagen die edelsten Modelle produziert und neben ihr selbst die Einzelteile eine Staubschicht ansetzen, das scheint nicht ihr Problem zu sein.

In der Tür rufe ich „Adé mittenand!“, am lautesten antwortet Sarah. Sie ist die Souvenierverkäuferin, die ihre Produkte ein wenig zu aufdringlich anpreist.

Welche Rolle ich in dem Zirkus spiele ist mir noch nicht ganz klar. Vielleicht der nervige Zuschauer, der immer den Zauberer fragt, wie die Tricks funktionieren. (Dabei will ich doch einfach nur die Sprache verstehen.)

* die Personen sind natürlich frei erfunden, die Profile überspitzt. Wäre dem nicht so, hätte ich selbstverständlich die Namen geändert.

Wenn die Motion Picture Academy am Anfang eines Jahres die Oscars des entsprechenden Jahres für das vorangegangene Jahr verleiht, einfach so, dann darf ich an einem Donnerstag die Wörter der Woche küren.

Ich finde mehr und mehr Gefallen am Schweizerdeutsch. Es ist mal unterhaltsam, mal humorig trocken, mal einfach nur knackig treffend und, ja, hin und wieder auch einfach lächerlich. Nett ausgedrückt also charmant. Der Clou (schreibt man das inzwischen „Kluh“?) mit dem Schweizerdeutschen ist ja, dass es keine Rechtschreibung gibt. Jeder darf schreiben wie er möchte. Und jeder tut es auch. Zum Beispiel gibt’s hier ja gar kein ß. Aber in einer Sms ist so ein ß natürlich ungeheuer viel zeichensparender als ein „ss“. Demnach bekomme ich dann und wann schon mal eine Sms wie diese:

Kommst du zum eßen?

Nun mag das Argument des Zeichensparens bei dieser Smslänge nicht ziehen, aber umso verwunderlicher, was sich der Schweizer so alles einfallen lässt. Dann und wann begegnen mir Wörter, die ich verstehe und die es wert sind wiederholt zu werden (dann murmele ich so vor mich hin) oder Wörter, die ich nicht verstehe, die ich aber verstehen will (die ich dann laut wiederhole. Mit Fragezeichen dahinter). In beiden Fällen kommt danach mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – Gelächter. Die Palette reicht von Grunzlauten über beschwipstes Gekicher bis hin zu lautem Schall.

Man soll als Deutscher gar nicht versuchen, Schweizerdeutsch zu sprechen. Das hab ich vorher gelesen, das steht in jedem Reiseführer, das sagen mir alle anderen und das sag ich ja auch immer. „Ich weiß ja, ich darf das gar nicht versuchen, aber…“ – und wie alle Sätze mit aber ist auch dieser schenkenswert. Einzelne Wörter lass ich mir aber nicht verbieten.

Meine drei Lieblinge der letzten Tage.

Schoggi: „Easy“ denkt sich der Schweizer (und der Schweizer denkt ziemlich oft „easy“, oder eben „isi“). „Schoggi“ gehört zum Grundwortschatz. Und weil Touristengut Nummer Eins denkt sich auch der Tourist „isi“,versucht’s und fällt voll auf die Schnauze. Angeblich kann ich’s immer noch nicht. Dabei versuche ich es wirklich häufig. Ich betone die zweite Silbe so sehr, mehr geht schon gar nicht. Ich ziehe das „i“ so hoch ich kann. (wie in Miete oder bieten, nicht wie in Mitte oder bitten.) Außerdem mach ich dieses klitzekleine Päuschen zwischen „Scho“ und „ggi“. „Scho ggi“. Ich  spreche die beiden Gs hart, aber nicht zu hart. Fast wie ein K, aber eben noch mit dem Hauch eines Gs. Resultat der Mühen? Allseitig anerkennendes Schmunzelnicken. So à la „gewollt und nicht gekonnt“, oder „wenigstens gibt er sich Mühe“. Essen hingegen kann ich sie ganz tadellos.

öbbis/öppis/öppes: Heißt nichts anderes als „etwas“. „Lass ma öbbis mache.“ höre ich oft. Als ich fragte, wie man das denn wohl schreiben würde, entbrannte landesgerecht ein Streit. Es spricht auch jeder ein wenig anders aus. Prinzipiell gelten aber die gleichen Regeln wie bei der Schoggi. Zweite Silbe betonen, Pause direkt davor und klare Aussprache der Vokale. Inklusive schnuckeligem Schürzen der Lippen beim kurzen, gehauchten Ö. Wenn man es isoliert ausspricht, also einfach mal so ein „öbbis“ zwischendurch, dann empfiehlt es sich zum Ende des Wortes das Kinn an den Hals zu ziehen (also Doppelkinnposition) und verlegen keck zu grinsen. Auch bei diesem Wort werde ich weiterhin belehrt, wie man es natürlich richtig aussprechen muss. Und wenn ich es vom einen gelernt habe und sich dieser zufrieden zeigt, dann kommt der nächste und versucht mir seine Version anzuheimsen. Ö-Piss.

Macheli

Mascheli: Dieses Wort lernte ich, als eine Kommilitonin (dieses Wort ist hier im übrigen nahezu unbekannt) sich die flache Hand schräg auf Stirn und den Haaransatz klatschte. Alle wussten Bescheid, nur ich natürlich wieder nicht. Ich „hä?“, alle anderen „Mascheli“, ich „hä?“, die anderen „Mascheli“, ich „hä?“… Irgendwann erbarmte sich einer mir diesen Witz der Eingeweihten zu erklären. Wir haben eine Mitstudentin, man muss sie sich etwa so wie da rechts vorstellen. Wenn man nun noch weiß, dass „Mascheli“ Schleife heißt, dann wird auch die Geste plötzlich klar. Doch so richtig lässt man mich auch hier nicht in den Kreis der Eingeweihten. „Das A ist kein A!“, sagt die eine. „So wie euer deutsches Ä.“, der andere. „Aber das Ä habt ihr doch auch hier.“, denke (!) ich. Daraufhin rufe ich stolz „Mäscheli!“. „Nein!“, sagt sie, „Das ist ja ganz falsch. Kein Ä!“. „Ja aber er hat doch gerade gesagt…“, sage ich. „Nein, kein Ä.“, sagt er. „Also Maaascheli!“, rufe ich. „Nein!“, sagt sie, „kein A.“, fügt sie hinzu. Das Verwirrung ist natürlich perfekt für meinereins. Ich komme nicht vor und nicht zurück, der Schweizer weiß genau was gemeint ist. Dieser Buchstabe zwischen A und Ä. Ist ja klar.

Kennt jemand ein Wort, das phonetisch zwischen „klar“ und „Wäsche“ angesiedelt ist? Außer Mascheli wohlgemerkt. Am wenigsten unanerkennend ist das Lächeln der anderen übrigens, wenn ich’s einfach nuschele. Aber das zählt ja nicht. Verschissenes Mascheli. Warum trägt jemand sowas überhaupt?